Bei unserem Stammtisch im Oktober durften wir Enxhi Seli-Zacharias begrüßen.
Sie widmete sich einem der schlimmsten Themen, mit denen man sich überhaupt auseinandersetzen kann, dem sexuellen Missbrauch von Kindern.
Ein Thema, über das sie selbst einmal sagte: „Das kann ich nicht.“ Doch aus gegebenem Anlass musste sie sich ihm dennoch stellen.
Enxhi lebt in Gelsenkirchen, einer Stadt, die in jüngster Vergangenheit durch zwei besonders erschütternde Fälle von Kindesmissbrauch in die Schlagzeilen geraten ist.
Beide Fälle hatten einen Ort zum Gegenstand, an dem Kinder eigentlich besonders sicher sein sollten, eine Kindertagesstätte.
In einer Kita wurde wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes ermittelt. Der zweite bekannt gewordene Fall betraf eine Mitarbeiterin einer anderen Kita. Sie hatte ihre eigenen Kinder missbraucht beziehungsweise missbrauchen lassen.
Die Nachricht löste bei vielen Eltern große Angst und Verunsicherung aus. Die bange Frage stand im Raum: Könnte auch meinem Kind etwas zugestoßen sein?
Doch damit nicht genug: Die betroffenen Eltern fühlten sich während des gesamten Verfahrens offenbar nur unzureichend informiert. Die Gerichtsverhandlung fand in großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Für die Eltern bedeutete das, dass sie vielfach vor verschlossenen Sitzungssälen standen und kaum Einblick in das Verfahren erhielten.
Bei der Urteilsverkündung, die öffentlich war, wollten sie unbedingt dabei sein. Um das zu ermöglichen, teilten sie sich in Gruppen auf, so dass sich immer einige von ihnen im Gerichtsgebäude aufhalten konnten. Ein unglaublicher Aufwand, den Eltern betreiben mussten, nur um wenigstens ein wenig über das Geschehen zu erfahren.
Die Kindertagesstätte, ein Ort, an denen Eltern ihre Kinder in die Obhut anderer Menschen geben ein Ort, an dem Vertrauen selbstverständlich sein sollte. Eltern vertrauen den Erzieherinnen und Erziehern das Wertvollste an, was sie haben, was unsere Gesellschaft hat, ihre Kinder. Wie schwer muss es sein, wenn dieses Vertrauen auf eine derart grausame Weise erschüttert wird?
Enxhi Seli-Zacharias berichtete anschließend über die Abgründe des Kindesmissbrauchs, über die perversen Machenschaften der Täter und deren perfide manipulative Vorgehensweisen.
Sie verlas das, was zur Anklage stand. Zuvor warnte sie die Zuhörer eindringlich: Wer das Hören dieser schrecklichen Taten nicht ertrage, solle besser den Saal verlassen.
Sie las schnell. Sehr schnell. Denn manches von dem, was sie vortrug, wäre bei langsamem Lesen kaum auszuhalten gewesen.
Im Saal herrschte absolute Stille. Niemand rührte sich. Nicht einmal ein Stuhl wurde gerückt. Was wir hörten, ließ uns verstummen.
Sie erklärte, dass Täter teilweise gezielt die Stundenpläne von Schulen ausspionieren, um an Kinder heranzukommen. Anhand eines Beispiels zeigte sie, wie selbst eine öffentliche Toilette für ein Kind zu einem gefährlichen Ort werden kann.
Es waren Informationen, die nachdenklich machten und gleichzeitig zutiefst erschütterten. Denn sie führten uns vor Augen, wie skrupellos Täter vorgehen und wie wenig ein Kind die Gefahren erkennen kann, denen es ausgesetzt ist.
Besonders empörend ist das Missverhältnis zwischen den Folgen für die Opfer und den Konsequenzen für die Täter. Während die seelischen Verletzungen eines Kindes oft ein ganzes Leben lang nachwirken, erscheinen die Strafen für solche abscheulichen Taten häufig erschreckend gering. Kann man da noch von Gerechtigkeit sprechen?
Hinzu kommt, dass es in Deutschland kein öffentlich zugängliches Sexualstraftäterregister gibt, aus dem Bürger erfahren könnten, ob verurteilte Täter in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung leben.
Natürlich müssen Persönlichkeitsrechte und rechtsstaatliche Grundsätze gewahrt bleiben. Doch es stellt sich die Frage, ob der Schutz der Täter und ihrer Persönlichkeitsrechte tatsächlich so schwer wiegen darf, dass der Schutz unserer Kinder dahinter zurücktritt.
Was ist uns der Schutz unserer Kinder wert? Und wann endlich bekommt er den Stellenwert, den er verdient?
Zum Schluss eine erschreckende Zahl:
17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs wurden im Jahr 2025 bekannt. Die Tendenz ist steigend.
Dabei muss man sich bewusst machen, dass die Dunkelziffer erheblich sein dürfte. Viele Taten werden niemals bekannt.
Diese Zahl steht nicht nur für eine Statistik. Hinter jedem einzelnen Fall steht ein Kind. Ein Mensch, dessen Vertrauen missbraucht wurde und dessen Leben möglicherweise für immer verändert ist.
Unser Stammtisch hatte diesmal ein besonders schweres Thema. Es war kein Vortrag, den man einfach nur hört und anschließend wieder vergisst. Das Gehörte hat uns bewegt, erschüttert und nachdenklich gemacht.
Und dennoch waren alle froh, teilgenommen zu haben. Wegsehen hilft niemandem. Schweigen schützt die Falschen. Aufklärung, Aufmerksamkeit und ein offener Umgang mit diesem Thema sind unverzichtbar, wenn wir Kinder besser schützen wollen.
Wir danken Enxhi Seli-Zacharias herzlich für ihren Mut, ihren unermüdlichen Einsatz und dafür, dass sie sich diesem schwierigen Thema stellt und damit den Kindern eine Stimme gibt, die selbst oft keine haben.
Denn Kinder brauchen unseren Schutz. Nicht irgendwann. Sondern immer.
Quellen: Enxhi Seli-Zacharias; WDR Lokalzeit Ruhr vom 06.07.2026; Pressemitteilung der Polizei Gelsenkirchen vom 30.04.2025; Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Eva-Maria Fischer